Matthias Feurer, 16.7.2026
Liebe Anwesenden,
ich beginne mit einem Zitat aus einem wissenschaftlichen Paper, das im Herbst 2025 von führenden Klimawissenschaftlern veröffentlicht wurde mit dem Titel “Der Klimazustandsbericht 2025: Ein Planet am Abgrund”
“Wir rasen auf ein Klimachaos zu. Die Vitalfunktionen des Planeten sind alarmierend. Die Folgen der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen sind keine zukünftigen Bedrohungen mehr, sondern bereits Realität. Diese sich zuspitzende Krise ist die Folge von mangelnder Voraussicht, politischer Untätigkeit, nicht nachhaltigen Wirtschaftssystemen und Fehlinformationen. Fast jeder Bereich der Biosphäre leidet unter zunehmender Hitze, Stürmen, Überschwemmungen, Dürren und Bränden. Das Zeitfenster, um die schlimmsten Folgen zu verhindern, schließt sich rapide. Anfang 2025 berichtete die Weltorganisation für Meteorologie, dass 2024 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war (WMO 2025a). (…) Steigende Treibhausgaskonzentrationen sind weiterhin die treibende Kraft hinter dieser Eskalation. Diese jüngsten Entwicklungen unterstreichen die extreme Unzulänglichkeit der globalen Bemühungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und markieren den Beginn eines düsteren neuen Kapitels für das Leben auf der Erde.”
Und die Ereignisse im Jahr 2026 scheinen mit ihrer Wucht zu unterstreichen, dass wir bereits mittendrin sind im weltweiten Klimakollaps:
Hier nur ein kurzer Abriss, was 2026 bereits passiert ist ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist das Ergebnis einer 10 minütigen Recherche heute nachmittag.
- Januar.
- Verheerende Waldbrände in Chile, angetrieben von extremer Trockenheit und Hitze. 800 Gebäude werden zerstört, mehr als 50.000 Menschen müssen evakuiert werden. Es gibt mindestens 21 Todesopfer.
- In Nordamerika treibt ein stark geschwächter Polarwirbel eisige Luftmassen weit nach Süden. Ein extrem heftiger Wintersturm sucht den Norden Mexikos, die USA und Kanada heim. Die extremen Minustemperaturen und Schneemassen führen zu über 170 Todesopfern.
- In Südaustralien wird erstmals die 50 Grad Marke geknackt.
- Februar
- Flutkatastrophe in Mosambik: wochenlange, sintflutartige Regenfälle. Mehr als 100 Tote, knapp 100.000 Menschen wurden obdachlos.
- In Portugal, Spanien, Frankreich und Marokko führen extreme Starkregenfälle zu Sturzfluten und großflächigen Überschwemmungen. Die Wassermassen überfluten ganze Ortschaften, zerstören Existenzen und fordern mehrere Todesopfer.
- März
- Schwere Erdrutsche in Süd-Äthiopien nach Starkregen. 96 Tote.
- Historische langanhaltende Hitzewelle im Westen der USA mit Temperaturen, die normalerweise erst im Hochsommer erreicht werden.
- Mai
- Mörderische Hitzewelle in Indien und Pakistan mit Temperaturen über 50 Grad. Man geht von tausenden Hitzetoten aus.
- Juni
- Sinftlutartige Regenfälle an der Elfenbeinküste und in Ghana. Mindestens 59 Tote.
- Eine Hitzekuppel über Europa sorgt in zahlreichen Ländern Europas für Rekordtemperaturen jenseits der 40 Grad und laut Robert Koch Institut für mehr als 5000 Hitzetote allein in Deutschland – deutlich mehr Tote als bei Nine Eleven.
Randnotiz: Von Bundeskanzler Merz gibt es keine Reaktion darauf. Es wird versucht, das Thema tot zu schweigen, ihm keine Aufmerksamkeit zu schenken. Dieser Juni soll offenbar nicht als Klima-Katastrophenmonat in unser kollektives Gedächtnis Eingang finden. - Eine Hitzekuppel über den zentralen und östlichen USA führt dazu, dass zahlreiche Veranstaltungen zum Unabhängigkeitstag abgesagt werden. 25 Tote.
- Juli.
- Durch Waldbrände in Spanien, Griechenland, Italien und Frankreich werden über 167.000 Hektar Wald verbrannt, Touristen werden evakuiert, die dritte Etappe der Tour de France muss aufgrund der Waldbrände angepasst werden. 60km südlich von Paris werden erstmals Löschflugzeuge bei einem Waldbrand eingesetzt.
- Und noch ganz aktuell eine Meldung von heute: verursacht durch zahlreiche Waldbrände in Kanada hat die Metropole Toronto aktuell die schlechteste Luftqualität weltweit, die Rauchschwaden ziehen bis nach New York. Die Behörden in Toronto fordern Anwohner auf, zu Hause zu bleiben und warnen: “Die Gesundheit aller ist in Gefahr, Begrenzen Sie Ihre Zeit im Freien”. In New York wird die Bevölkerung zum Tragen von Masken aufgerufen, während die Behörden gleichzeitig “code red” ausgerufen haben, weil die Temperaturen schon wieder über 40 Grad steigen könnten.
Die gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Kosten für diese Katastrophenereignisse, liebe CDU-Fraktion, sind übrigens um ein Vielfaches höher als ambitionierter Klimaschutz, das haben zahlreiche Studien herausgefunden.
Die 1,5 Grad weltweite Erderwärmung haben wir erstmals im Jahr 2024 überschritten und trotzdem steigen die weltweiten CO2 Emissionen 2025 entgegen aller Beteuerungen und Klimaabkommen weiter an.
Das alles, und jetzt wird es kurz persönlich, macht etwas mit mir.
Ich habe Angst.
Ich bin wütend.
Und ich bin traurig.
Denn von der Hoffnung, die ich vor 5-6 Jahren noch hatte, dass es möglich ist, das ganze noch irgendwie aufzuhalten, bleibt eigentlich nichts mehr übrig. Zuletzt ist diese Hoffnung nochmals aufgeflammt, als sich eine ganze Reihe von Wissenschaftler*innen und engagierten jungen Menschen auf Straßen geklebt haben, um auf die drohende Katastrophe aufmerksam zu machen. Es fühlt sich tatsächlich an wie aus einer anderen Zeit, wenn ich mich daran zurück erinnere.
Und als zweifacher Familienvater kann ich nun mal nicht anders, als mir vorzustellen, in was für einer Welt meine Kinder leben werden, wenn sie so alt sind wie ich jetzt – in ca. 30 Jahren. Es wird eine andere Welt sein, als die, die wir alle kennen. Eine gefährlichere und ungemütlichere Welt – das kann man heute schon sicher sagen.
Und trotz allem ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu handeln, auch wenn wenig Grund zur Hoffnung besteht. Ein Notarzt, der zu einem Patienten mit Herzstillstand gerufen wird, fragt schließlich auch nicht, ob es noch Hoffnung gibt. Er handelt.
In diesem Sinne bin ich froh, dass wir heute die Fortschreibung des Klimaschutzprogramms beschließen und ich möchte mich ausdrücklich bei der Stadtverwaltung und bei den Fraktionen von AL/Grüne und SPD für die konstruktive, sehr intensive Arbeit bedanken. Es wurde viel Zeit investiert und es wurden aus meiner Sicht tatsächlich einige relevante Verbesserungen erzielt. Eine kleine Auswahl:
- Im Bereich Wärme, der den größten Anteil der Tübinger CO2 Emissionen ausmacht wird endlich das Thema Gasausstieg angegangen: es wurde eine neue Maßnahmenoption hinzugefügt zur Erarbeitung von Ausstiegs- und Transformationsplänen für die Gasversorgung im Stadtgebiet auf Ebene einzelner Teilnetze. Außerdem wird auf das steigende Kostenrisiko von Gasheizungen hingewiesen durch steigende CO2 Besteuerung und steigende Netzentgelte, wenn es immer weniger Gaskunden am Netz gibt. Die Empfehlung von Öl- auf Gasheizungen umzustellen zusammen mit der sehr unrealistischen Option des Betriebs der Gasnetze mit Synthesegasen wurde entfernt.
- Im Bereich Strom, bei dem wir noch am besten da stehen, wurden Batteriespeicher als Option für die Stabilisierung des Stromnetzes aufgenommen – die Realität überholt uns hier zum Glück zur Abwechslung mal. Neben den vielen privaten Speichern, die bereits in Betrieb sind, arbeiten auch die Stadtwerke an Großbatteriespeichern.
- Im Mobilitätsbereich unterstützt die Stadtverwaltung künftig ausgewählte Stadtteile bei der Einführung autofreier Tage zur Demonstration lebenswerter, verkehrsfreier Räume und Stärkung klimafreundlicher Mobilität.
- In den Querschnittsbereichen werden die Kohlenstoffsenken (oder Klimaschutzleistungen wie es im Programm heißt) gestärkt und es gibt einen eigenen Querschnittsbereich für Anpassungsmaßnahmen, die leider immer wichtiger werden.
- Das große Thema Finanzierung wird im Programm durch die neuen Punkte “Unterstützung von Bürgerenergieprojekten in den Ortsteilen wie z. B. Wärmegenossenschaften”, “ Aus- bzw. Aufbau von Beteiligungsmodellen; wie z. B. bestehende Bürger-Energie-Tübingen eG (BET) oder direkte Beteiligungsmodelle bei Tochter- oder Enkelgesellschaften der SWT” und “Unterstützung von Bürgerenergieprojekten” angegangen. Ob wir unser Ziel erreichen, wird in Zukunft auch ganz maßgeblich davon abhängen, ob es es möglich ist, private Geldgeber zu gewinnen. Denn es ist absehbar, dass die öffentlichen Kassen auf absehbare Zeit knapp bleiben werden.
Aber trotz all dieser und weiterer Punkte, die ergänzt wurden: wir werden es auch in Tübingen – trotz aller guten Voraussetzungen – nicht schaffen, bis 2030 klimaneutral zu sein. Bis ca. 2030 wird unser Tübinger CO2 Restbudget für eine 1,5 Grad Welt in etwa aufgebraucht sein und wir werden noch bis weit in die 30er Jahre, wenn nicht sogar bis in die 2040er Jahre brauchen, bis wir die Klimaneutralität erreichen, das ist jetzt schon klar.
Das Programm wird zur Zielerreichung also nicht erreichen, auch wenn sich – das will ich auf keinen Fall in Frage stellen – alle Beteiligten sehr anstrengen. Aber “wir haben uns stets bemüht” reicht eben nicht.
Was wir immer wieder in den Diskussionen bemängelt haben ist, dass es keinen konkreten Fahrplan bis zur CO2 Neutralität gibt, einen sogenannten CO2 Reduktionspfad. Zu aufwändig sagt die Stadtverwaltung – und ich glaube das auch, dass das aufwändig ist – und außerdem seien zu viele Parameter nicht seriös abzubilden in einem kommunalen Reduktionspfad. Obwohl die Nationale Klimaschutzinitiative der Bundesregierung und das Umweltbundesamt in ihren Broschüren genau das propagieren. Offenbar die Kluft zwischen Theorie und Praxis.
Am Ende haben wir uns auf einen pragmatischen Kompromiss geeinigt – und ich danke dafür ausdrücklich der Stadtverwaltung, aber auch allen anderen Fraktionen, die unseren Antrag einstimmig angenommen haben: In den Sachstandsberichten wird es nun anhand eines Ampelsystems sofort ersichtlich sein, welche der großen Maßnahmen im Plan sindy, welche gefährdet sind und welche deutlich vom Plan abweichen.
Das ist für uns als Gemeinderäte wichtig, um eine effektive Kontrolle auszuüben und nachsteuern zu können, aber auch für die Öffentlichkeit. Denn meine Gespräche mit der Tübinger Bevölkerung zeigen immer wieder, dass hier große Ahnungslosigkeit herrscht, wenn es darum geht, wo Tübingen eigentlich steht beim Klimaschutz.
Was also ist mein Fazit dieser Fortschreibung des Klimaschutzprogramms?
Ja, es ist nochmal verbessert worden, aber es wird nicht reichen, um das Ziel “2030 klimaneutral” noch zu erreichen. Außerdem kommt es zunehmend darauf an, dass die externen Akteure (das Land, das mit der Universität auch ganz konkret an der Aufgabe der Klimaneutralität beteiligt ist, der Bund, aber insbesondere auch die Tübginger Bevölkerung) mitziehen, denn die eigenen Spielräume der Verwaltung sind zunehmend ausgereizt.
Aber noch etwas wird immer deutlicher: rein technologische Fortschritte werden uns nicht retten, auch wenn es das ist, was auch dieses Programm weitgehend vermittelt. Unsere gesamte Energieerzeugung, Wärme und Mobilität auf erneuerbare Energien umzustellen (ich sage dazu gerne “alles grün anmalen”) wird nicht reichen, wenn wir nicht auch unser Leben radikal umkrempeln (manche sagen dazu auch “Verzicht”).
Zwei Beispiele zur Stützung dieser These: es gibt schlicht nicht genügend Rohstoffe und Abbaukapazitäten für den Bau der erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen die nötig wären, um in absehbarer Zeit den weltweiten Energiebedarf abzudecken, sofern wir von einem business-as-usual beim Energieverbrauch ausgehen.
Und ein weiteres Beispiel: allein unsere westlichen Essgewohnheiten, basierend auf tierischen Produkten, reichen mit ihren CO2 Emissionen aus, dass die Erde immer heißer wird und dass wir das verbleibende CO2 Restbudget für eine 2 Grad Welt bis spätestens 2100 aufbrauchen.
Ohne einen dramatischen kulturellen Wandel wird das also nicht funktionieren.
Und wenn der nicht freiwillig kommt – und danach sieht es ja aus – dann wird er über den sozialökologischen Kollaps ganz zwangsläufig kommen. Denn eines ist auch klar: die Einschläge der Extremwetterereignisse werden häufiger und immer teurer und sie kommen immer näher. Es ist absehbar, dass die westlichen Gesellschaften diese irgendwann nicht mehr verkraften und wegstecken werden können.
Mein Appell an alle hier im Saal und an alle Tübingerinnen und Tübinger lautet daher und jetzt kommt ein Zitat des Polarforschers Robert Swan: “die größte Gefahr für unseren Planeten ist die Annahme, dass andere ihn retten werden”.
Verlassen Sie sich also nicht darauf, dass einsame Helden, dass wir Gemeinderäte, dass die Verwaltung, die Landesregierung, die Bundesregierung oder wer auch immer das schon irgendwie richten wird.
Das wird definitiv nicht passieren!
Werden Sie aktiv! Fangen Sie an! Machen Sie den ersten Schritt! Seien Sie nicht still!
Und tragen Sie bitte nicht dazu bei, dass wir als die Generation in die Geschichte eingehen, die schweigend zugesehen hat, wie sie ihr eigenes Zuhause zerstört hat!
Wir stimmen der Fortschreibung des Tübinger Klimaschutzprogramms zu.
Vielen Dank.
